Aggressive Haie – Realität oder Fantasie – Ein aufklärungsversuch

Wenn Menschen Tiere beschreiben indem sie Charakterzüge verwenden die sie von sich selbst kennen, nennt man das Anthropomorphismus, bzw. Vermenschlichung: wenn vom “bösen” Wolf, vom “schlauen” Fuchs oder von der „hässlichen“ Kröte, usw. geredet wird… Dies bedeutet nicht, dass die Attribute dem Tierverhalten entsprechen, sondern vielmehr, dass die Menschen die Tiere so wahrnehmen oder ihr Verhalten so interpretieren. Es ist daher nicht verwunderlich, dass einige der meist gefürchtetsten Tiergruppen wie Schlangen oder auch Haie selten oder eher nie mit Attributen, beschrieben werden die eine positive Haltung seitens der Beobachter äußern. Einen Hai als „Süß“, „putzig“ oder “liebenswert” zu beschreiben, ist für viele Menschen ebenso grotesk wie die Äußerung eine Schlange sei “ehrlich” oder ein Hund „untreu“. Durch diesen aufgedrückten Stempel können einige Arten es viel schwerer haben angenommen zu werden als andere. Gute Beispiele dafür sind; der „freundliche“ Delfin und der “aggressive” Hai. Dass diese Attribute aber auch falsch sein können zeigt das „dumme“ Schwein, ein Schwein ist weit davon entfernt Dumm zu sein; es wird heute vermehrt für Aufgaben herangezogen für die früher Hunde genutzt wurden.

Oft hören wir in Erzählungen vom mutmaßlich “aggressiven” Haie. Seltsamerweise enden diese Erzählungen nie so wie der Ausdruck „Aggressiv“ es annehmen lassen würde, nämlich durch einen Biss. Einmal mehr sind Beobachter zum Opfer ihrer eigenen Fantasien und Vorurteile geworden und verwechseln ihre anthropomorphen Ansichten mit der Realität. Der “aggressive” Hai ist ebenso unwirklich wie der “liebenswerte” Hai und entspringt der eigenen Fantasie. Ein Hai ist Hai, durch und durch und verhält sich demnach wie ein Hai… Ich würde sagen ein Hai ist „Haiisch“… Trotzdem würde ich gerne mal hören wie ein Taucher sich direkt nach dem Tauchgang die Maske vom Kopf reißt und ruft dass ein total „lieber“ Hai gerade sehr nah gekommen ist…

Was wird umgangssprachlich unter Aggressiv verstehen? Aggression (von lat. aggredere: auf jemanden/etwas zugehen) bezeichnet das Gefühl von Zorn, Angriffslust und (Zerstörungs-)Wut und das damit verbundene destruktive, zerstörerische Verhalten gegenüber anderen. Sie ist eine Folge von Konflikten – innerpsychischen Problemen (z. B. ambivalente Wünsche, Frust, Neid, Wut, Ärger, Hass, Stress…), mit anderen Menschen. Aggressives Verhalten umfasst alle Formen von destruktiven und schädlichen Handlungsweisen, alle Formen psychischer und physischer Gewalt gegen sich selbst, andere Personen oder Sachen. Beim Menschen wird unter „aggressivem Verhalten“ in erster Linie eine direkte oder indirekte physische und/oder psychische vorsätzliche (absichtliche) Schädigung eines Lebewesens oder die Beschädigung eines Gegenstandes verstanden. Ein Hooligan ist demnach aggressiv.

Nun hört man in Dokumentarfilmen, Reportagen, etc. dass im Tierreich aggressives Verhalten weit verbreitet ist. Der Begriff wird von Verhaltensbiologen aber anders interpretiert, z.B. bei direkten Wettbewerb um Ressourcen, bei der Fortpflanzung oder bei Nahrungserwerb (Räuber-Beute-Beziehung). Es wird daher – speziell seitens der Ethologie – häufig auch als agonistisches Verhalten oder als „Angriffs- und Drohverhalten“ bezeichnet und mit spezifischen Auslösern („Schlüsselreizen“) in Verbindung gebracht (Futter, Jagdverhalten, Rangordnung, Schutz…). Bei Tieren begrenzt sich solches Verhalten in 99% der Fälle auf gebärden, sprich drohen, ritualisierte Kämpfe, usw.… aber die letzte Konsequenz bleibt aus. Es kommt nicht zum Angriff. Lorenz sprach hier von einer angeborenen „Beißhemmung“, die ihm zufolge Exzess Taten verhindert.

Also ist Ursachen und Ausleben von Aggression bei Mensch und Tier grundverschieden… Doch durch die Vermenschlichung der Tiere werden Definitionen vermischt und wir bekommen ein falsches Bild. Es gibt keinen Hai-Hooligan! Kein Hai will einem Lebewesen absichtlich Schaden zufügen um sich abzureagieren… Er würde uns höchstens drohen, nach Hai-Manie und das würde nur ein geschulter Taucher erkennen.

Die erstaunliche Tatsache ist, dass “aggressive” Haie von zwei Gruppen von Tauchern, den Anfänger und den erfahrenen Hai Taucher (die oft im gleichen Hai Gebiet tauchen) beschrieben werden.
Es ist durchaus verständlich, wenn unerfahrene Taucher oder Schwimmer behaupten, einem “aggressiven” Hai begegnet zu sein. Für sie sieht jeder Hai der mehr als einen Meter Länge erreicht gefährlich aus. Zusätzlich können irgendwelche latenten Ängste, Filme und entsprechende Medienberichte diese Sicht verstärken.
Aber warum werden erfahrene Hai-Taucher Opfer dieser Art von Phänomenen? Unsere persönliche Erfahrung aus vielen Gesprächen legt nahe, dass viele Taucher häufig in den gleichen Gebieten zur gleichen Jahreszeit tauchen, somit gewöhnen sie sich an eine spezielle Art und dessen Verhalten in einem für den Hai immer gleichen Kontext. Mit der Zeit wird anfängliche Zurückhaltung durch mehr Kühnheit ersetzt.
Der Taucher bekommt bald ein Gefühl für diese Art und ist in der Lage die Situation zu bewerten und zu wissen, wie nahe sie oder er dieser Hai-Art kommen darf, oder umgekehrt, wie nahe der Hai es wagen wird sich zu nähern. Früher oder später wird der Taucher unbewusst ein gewisses Gefühl entwickeln wann der Hai was machen wird. Dieses scheinbare Vertrauen in das Verhalten eines gegebenen Hais ist häufig der Ursprung der sogenannten “aggressiven” Haie. Verschiedene Haiarten haben unterschiedliche Annäherung und Rückzugs-Parameter sowie unterschiedlich große innere oder äußere Kreise.
Wenn erfahrene Taucher nun unbekannte Haiarten treffen, deren Verhalten sich dem Bekannten unterscheidet und der Hai nun plötzlich viel näher kommt, können sie Angst erleben. Die Angst die sich einstellt kann dazu führen den Hai als “aggressiv” wahrzunehmen. Aber dieser scheinbar “aggressive” Hai ist nicht mehr als ein Vertreter einer anderen Spezies der viel später abdreht als die Bekannte Art.

Im Allgemeinen ist es ein Fehler, Tieren durch “Klischees” zu beschreiben. Ist jedoch eine Tatsache die bei Schutzkampagnen oft eingesetzt wird und es funktioniert. Deshalb hat Vermenschlichung auch ihr Gutes. Kuscheltiere sind leichter zu schützen. Wer kann sich weigern, sich an Kampagnen wie “Free Willy”, “Save the Wales” “oder” Stoppt die Tötung der Robben Babys” zu beteiligen? Nicht alle Tiere haben das Glück, in das menschliche “Kleinkind Schema” zu passen, welcher den Beschützerinstinkt weckt.
Aber mehr als wahrscheinlich ist es dass gerade diese schwer zu schützenden Tiere Schutz brauchen, wenn wir unsere Zukunft in einem intakten Ökosystem gestalten wollen.

Euer Pascal